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Ostdeutsche Galerie

Zehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gibt es heute in Deutschland zwei „Ostgrenzen“: die in den Köpfen der Menschen, die sich immer nich entlang der ehemaligen „Demarkationslinie“ zwischen der BRD und der DDR und jetzt zwischen den „alten“ und den „neuen“ Bundesländern erstreckt und jene die die Grenze der Europäischen Gemeinschaft nach Polen, zur Tschechischen und Slowakischen Republik, nach Ungarn und Slowenien beschreibt. Beide Grenzen, die in den Köpfen und die in Wirtschaft und Politik, sind heute durchlässiger als je zuvor. Aber jeder weiß, dass viel Arbeit und Engagement dazu gehören, sie schließlich ganz zu überwinden. Kulturschaffende aus der Bildenden Kunst, der Literatur und der Musik haben in den letzten zehn Jahren die neue Reise- und Informationsmöglichkeiten schneller und intensiver genutzt als andere. Junge Künstlerinnen und Künstler aus Ostberlin und den neuen Bundesländern integrierten sich schnell in den internationalen Kunstbetrieb und waren ebenso wie ihre Kollegen im Westen offen gegenüber Projekten im östlichen Europa. Künstler und Galerien aus den Grenzregionen nutzten die Möglichkeiten in den Nachbarländern. Museen und Künstlerhäuser haben grenzüberschreitende Projekte realisiert.

Der Maler und Aktionskünstler Alois Öllinger erinnert in seiner Aktion „Regenbogen 2000“ an beide Grenzen, die sich entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs bis heute erhalten hat. Ihm geht es vorwiegend um die Grenze in den Köpfen der Menschen, die durch gemeinsame Aktionen der Feuerwehren aus den Nachbarregionen überwunden werden soll. Hierbei entstehen zwei Symbole, die in der bildenden Kunst paradigmatische Bedeutung haben: Im Sprühnebel der Feuerwehrfontänen entsteht der Regenbogen, der in der christlichen Kunst nach den biblischen Quellen als Symbol des Friedens, der göttlichen Herrlichkeit aber auch als Zeichen des Weltgerichts gedeutet wurde, durch die kreisförmige Anordnung der Fontänen die Kuppel, die schon seit vorchristlicher Zeit bei profanen und religiösen Bauten als Symbol des Erdkreises galt, der von der Himmelskuppel überwölbt wird. Wie der Regenbogen ist also auch die Kuppel ein Ewigkeitssymbol, das, wie die Architekzur des Londoner „Millenium.Domes“ zeigt, bis heute seine Bedeutung nicht verloren hat.

Öllingers Aktion, zu der ein Vorlauf bereits 1999 an 23 Orten zwischen Lübeck und Triest stattfand und die Zuerst 1992 mit Feuerwehrleuten aus Furth im Wald und Domazlice ausprobiert wurde, soll die „Trennlinie überbrücken und Freundschaft stiften“. Sie gehört der Konzept-Kunst an, da sie das Handeln in den Vordergrund stellt und vom eigentlichen Kunstwerk lediglich gezeichnete und gemalte entwürfe, Texte und Fotos ausgestellt werden können. Sie ist in den wenigen Minuten ihres Bestehens aber auch Land Art, denn sie signalisiert das Eigene des Landschaftsraums, das Problem der menschlichen eingriffe, die ästhetische Wahrnehmung und die Reaktion des Künstlers. In jedem Fall ist sie Kunst, denn sie appelliert – mit eigentlich von jedermann lesbaren – künstlerischen Symbolen an das kollektive Gedächtnis. Die erste Aktion 1992 war womöglich bereits die wirkungsvollste, als Feuerwehrleute aus Furth im Wald, Domazlice und Schafberg sich in einem vorher mit Holzpflöcken markiertem Kreis von 20 Meter Durchmesser um den Grenzbach Pastritz aufstellten und mit Wasserfontänen die Kuppel gestalteten. Die Strahlen der tiefstehenden Sonne schufen dabei einen Regenbogen, der die Grenzlinie überspannte.

Das Museum Ostdeutsche Galerie in Regensburg unterstützt mit einer Ausstellung der Projektskizzen, Fotos und begleitenden künstlerischen Arbeiten die Hauptaktion, die anschließend am 5. August 2000 stattfinden wird, da sie unseren eigenen Intentionen entspricht. Mit künstlerinnen und Künstlern aus Polen, Tschechien, der Slowakei und Lettland, mit Museen in Polen, Russland, Lettland, der Tschechischen Republik und Kroatien, mit deutschen Künstlern, die dort wieder ausstellen, haben wir Partner gefunden, um die durch die Folgen des Zweiten Weltkrieges unterbrochenen kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Osten Mitteleuropas wiederherzustellen. Alois Öllingers Aktionslinie von Lübeck bis Triest symbolisiert auch unsere Arbeit.

Axel Feuß

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